Warum „Schultern zurück, Brust raus" das Problem ist, nicht die Lösung.
Wir leben durch unseren Körper. Jede Erfahrung, jede Interaktion, jeder Moment unseres Lebens ist mit unserer körperlichen Wahrnehmung verknüpft. Und doch schenken wir dem Instrument, durch das wir all das erleben, erstaunlich wenig Aufmerksamkeit.
Wir können uns entscheiden, uns auf diese Entdeckungsreise zu begeben. Oder wir werden irgendwann dazu gezwungen — wenn der Rücken nicht mehr mitmacht, die Knie schmerzen, die Schultern chronisch verspannt sind. Letztendlich befinden wir uns alle auf diesem Pfad. Und ich wage zu sagen: Es ist eine Reise, die gleichermaßen erfüllend wie konfrontierend ist.
In diesem Artikel möchte ich über etwas sprechen, das so grundlegend wie oft missverstanden ist: unsere Körperhaltung.
Der Mythos der „guten Haltung"
„Schultern zurück, Brust raus." Diesen Satz haben die meisten von uns hundertfach gehört. Von Eltern, Lehrern, Trainern. Er ist tief in unserer Kultur verwurzelt. Aber bei genauer Betrachtung erkennen wir, dass diese Vorstellung einer „richtigen" Haltung mehr mit äußerem Erscheinungsbild zu tun hat als mit innerem Wohlbefinden.
Diese Art der Korrektur zwingt den Körper in eine starre Form. Sie erzeugt neue Spannungen, anstatt bestehende zu lösen. Und sie basiert auf einer Annahme, die grundlegend falsch ist: dass Haltung ein statischer Zustand ist, den man erreichen und dann halten kann.
In der School of Movement betrachten wir Haltung als etwas anderes. Als einen dynamischen, lebendigen Prozess. Es ist die Art und Weise, wie unser Körper sich in jedem Moment im Raum bewegt und ausrichtet — in ständiger Reaktion auf das, was innen und außen geschieht.
Stell dir vor, alles wäre leichter
Stellt euch vor, ihr könntet jede Tätigkeit in eurem Leben mit deutlich mehr Leichtigkeit ausführen. Eine Welt, in der jede Handlung, jede Bewegung, jeder Moment weniger Anstrengung erfordert und effizienter wird.
Das mag zunächst utopisch klingen. Aber ich bin überzeugt, dass es erreichbar ist. Nicht durch mehr Kontrolle oder mehr Muskelspannung. Sondern durch mehr Bewusstsein. Durch ein feineres Gespür dafür, wo wir unnötige Spannung halten — und die Fähigkeit, sie loszulassen.
Spannung, die wir nicht sehen
Viele von uns tragen unbewusst Spannungen im Körper. Ein Erbe unserer Lebensweise, unserer Emotionen, unserer Gedankenmuster. Diese Spannungen sind oft so vertraut, dass sie unsichtbar bleiben. Die hochgezogenen Schultern. Der zusammengepresste Kiefer. Die angespannten Hände auf der Tastatur. Die flache Atmung.
Wir bemerken sie erst, wenn wir beginnen, bewusst hinzuschauen.
Der Prozess der Haltungsverbesserung beginnt genau dort: beim Erkennen und Loslassen von gewohnheitsmäßigen Spannungsmustern. Nicht durch das Hinzufügen neuer Anweisungen an den Körper, sondern durch das Abtragen dessen, was im Weg steht.
Schicht für Schicht. Muster für Muster.
Loslassen statt Festhalten
Unser Ziel ist eine Haltung, die nicht durch äußere Anstrengung aufrechterhalten wird. Sondern die aus einem tiefen Verständnis für den eigenen Körper entsteht. Eine Haltung, die das Ergebnis eines Prozesses des Loslassens ist — der es unserem Körper erlaubt, sich in seiner natürlichen Struktur auszurichten.
Das klingt paradox: Wir werden aufrechter, indem wir weniger tun. Aber genau das ist die Erfahrung, die Menschen in unserer Praxis immer wieder machen. Wenn die unnötige Spannung wegfällt, richtet sich der Körper von selbst auf. Nicht steif und militärisch, sondern lebendig, elastisch und frei.
Diese Art der Haltung erzeugt eine Leichtigkeit, die weit über die physische Erscheinung hinausgeht. Sie verändert, wie wir uns fühlen. Wie wir atmen. Wie wir durch den Tag gehen.
Haltung als tägliche Praxis
Haltung in diesem Sinne ist nichts, was man im Studio „trainiert" und dann draußen vergisst. Sie ist eine Perspektive, die man mitnimmt. In den Alltag. An den Schreibtisch. In die U-Bahn. In jedes Gespräch.
Wie halte ich meine Gabel beim Essen? Wie stehe ich an der Supermarktkasse? Wie sitze ich, wenn ich gestresst bin — und merke ich es überhaupt?
Diese Fragen mögen banal wirken. Aber sie sind der Anfang einer tiefgreifenden Veränderung. Denn Haltung ist nicht das, was wir tun, wenn wir daran denken. Sie ist das, was wir tun, wenn wir nicht daran denken. Und genau dort beginnt die eigentliche Arbeit.
Der Weg nach innen
Wenn wir die überholte Idee der „korrekten" Haltung hinter uns lassen und uns stattdessen auf das einlassen, was unser Körper uns zeigt, öffnet sich ein Raum. Ein Raum für mehr Leichtigkeit. Für weniger Kompensation. Für eine Ausrichtung, die nicht von außen auferlegt, sondern von innen gespürt wird.
Das ist kein schneller Prozess. Es erfordert Geduld, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, sich selbst ehrlich zu begegnen. Aber es ist ein Prozess, der sich in jedem Moment des Lebens auszahlt.
Denn Haltung, wie wir sie verstehen, ist nicht nur die Art, wie wir stehen. Sie ist die Art, wie wir in dieser Welt präsent sind.
Dieser Artikel ist Teil einer Reihe über die Grundlagen der Movement Practice. Wenn dich das Thema anspricht, komm vorbei und erlebe, was wir meinen.
