Floorwork Training
Körperbewusstsein

Deinen Körper kennenlernen: Eine Landkarte zeichnen

Nikolai 1. März 2026 5 Min. Lesezeit

Warum Körpergefühl keine Begabung ist, sondern eine Fähigkeit.


Es gibt einen Satz, den ich im Training oft höre: „Ich hab einfach kein gutes Körpergefühl." Meistens wird er mit einem leicht entschuldigenden Lächeln gesagt. So, als wäre Körpergefühl etwas, das man entweder hat oder nicht. Wie blaue Augen oder eine tiefe Stimme.

Aber das stimmt nicht. Körpergefühl ist kein angeborenes Talent. Es ist eine lernbare Fähigkeit. Und wie jede Fähigkeit entwickelt sie sich durch Erfahrung, Aufmerksamkeit und Zeit.

Was ist Körpergefühl?

Körpergefühl — oder genauer: Körperbewusstsein — beschreibt die bewusste Wahrnehmung und Interpretation unserer körperlichen Zustände, Bewegungen und Positionen im Raum. Es ist die Art, wie wir unseren Körper von innen heraus spüren und verstehen.

Drei Fragen helfen, das greifbarer zu machen: Wie differenziert können wir unseren Körper spüren? Wie gezielt können wir ihn ansteuern? Und wie funktioniert das in unterschiedlichen Kontexten — alleine, mit einem Partner, in einer neuen Umgebung?

Die Antworten auf diese Fragen sind nicht festgelegt. Sie verändern sich — abhängig davon, welche Erfahrungen wir machen und wie bewusst wir sie verarbeiten.

Die Körperkarte

Ich beschreibe den Prozess, ein besseres Körpergefühl zu entwickeln, gerne als das Zeichnen einer detaillierten Landkarte.

Stell dir vor, du sollst eine Karte von einer Landschaft zeichnen, die du noch nie betreten hast. Du weißt vielleicht grob, dass es Berge und Täler gibt. Aber die Details — die Pfade, die Lichtungen, die Abhänge — die kennst du nicht. Um eine genaue Karte zu zeichnen, musst du das Terrain selbst erkunden. Du musst Zeit dort verbringen. Aufmerksam sein. Entdecken, was sich hinter der nächsten Biegung verbirgt.

Mit unserem Körper ist es genauso. Viele von uns haben eine grobe Skizze: Ich weiß, wo meine Arme sind. Ich spüre, wenn etwas wehtut. Aber zwischen „ich spüre meinen Rücken" und „ich kann wahrnehmen, welche Teile meiner Wirbelsäule sich gerade bewegen und welche nicht" liegt ein riesiger Unterschied.

Menschen, die wir für ihre Bewegungsfähigkeit bewundern — Tänzer, Akrobaten, Kampfkünstler — haben diese Körperkarte meist sehr detailliert gezeichnet. Allerdings oft nur in einem bestimmten Bereich. Eine Gewichtheberin mag ihren Körper unter Last perfekt koordinieren können, aber im langsamen, weichen Bewegen weniger differenziert sein. Das zeigt: Körpergefühl ist kontextabhängig und immer ausbaufähig.

Wie wird die Karte detaillierter?

Der Weg zu besserem Körperbewusstsein führt über drei Dinge.

Erstens: Vielfältige Erfahrungen sammeln. Es reicht nicht, immer nur die gleichen Bewegungen zu machen. Wir müssen von den gewohnten Pfaden abweichen. Neue Bereiche erkunden. Den Körper in unbekannte Situationen bringen. Nur so tauchen die blinden Flecken auf unserer Karte auf.

Zweitens: Unterschiede spüren lernen. Es geht nicht nur darum, Dinge zu tun — sondern darum, Abstufungen wahrzunehmen, wo bisher nur eine allgemeine Wahrnehmung war. Den Unterschied zwischen „mein Arm ist angespannt" und „mein Bizeps hält, obwohl er es gerade nicht müsste" zu spüren. Das erfordert Verlangsamung und Aufmerksamkeit.

Drittens: Gezielte Ansteuerung üben. Wir verfeinern die Karte, indem wir versuchen, bestimmte Bereiche präziser zu bewegen. Einen einzelnen Wirbel zu mobilisieren statt den ganzen Rücken. Die Schulterblätter unabhängig von den Armen zu steuern. Das Becken zu kippen, ohne die Beine zu verändern.

Das klingt kleinteilig. Aber genau in dieser Kleinteiligkeit liegt der Schlüssel.

Körperbewusstsein als Lebenshaltung

In der Movement Practice ist Körperbewusstsein eine der zentralen Meta-Fähigkeiten. Und das Besondere daran: Es beschränkt sich nicht auf das Training.

Typischerweise denken wir über viele unserer Handlungen nicht weiter nach. Wir leben vor uns hin. Aber wie wir die Dinge tun, spielt eine größere Rolle, als wir ahnen.

Mit wie viel Spannung halte ich meine Gabel? Wie gehe ich eigentlich — und was sagt mir das über meinen Körper? Was mache ich mit meinen Händen, wenn ich an der Kasse stehe? Wie reagiere ich körperlich auf Stress — und kann ich es in dem Moment wahrnehmen?

Diese Fragen öffnen eine Tür. Nicht zu einer neuen Technik, sondern zu einer neuen Art, durchs Leben zu gehen. Aufmerksamer. Verbundener. Bewusster.

Das Körpergefühl, das wir im Training entwickeln, begleitet uns überall hin. Es wird zu einer Perspektive, die unsere Lebensweise nachhaltig beeinflusst. Nicht weil wir ständig an unseren Körper denken müssen — sondern weil wir allmählich anfangen, ihn weniger zu ignorieren.

Die Einladung

Ihr habt immer die Möglichkeit, euch besser kennenzulernen. Es beginnt damit, mehr hinzuschauen. Den eigenen Handlungen, der Umgebung und den Menschen um uns herum mehr Achtsamkeit entgegenzubringen.

Die Landkarte wird nie fertig sein. Es wird immer unerforschte Gebiete geben. Und genau das macht den Prozess so lebendig.


Körperbewusstsein ist eines der zentralen Themen in unserer Praxis. Wenn du erleben möchtest, wie sich das anfühlt, starte mit einem Probetraining oder dem Beginner Movement Kurs.

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