Warum sich gut bewegen nicht heißt, sich hart bewegen.
Was bedeutet es, sich gut zu bewegen? In verschiedenen Kontexten sieht das natürlich unterschiedlich aus. Ein Gewichtheber bewegt sich anders „gut" als eine Tänzerin, ein Kletterer anders als ein Boxer.
Aber es gibt einen Aspekt, der unabhängig vom Kontext gilt. Einen gemeinsamen Nenner, der gute Bewegung auszeichnet — egal ob beim Handstand, beim Sprinten oder beim Aufheben einer Einkaufstüte.
Es ist die Effizienz.
Effizienz als Leichtigkeit
Im allgemeinen Sprachgebrauch beschreibt Effizienz das Verhältnis von eingesetztem Aufwand zu erzieltem Ergebnis. Im Kontext von Bewegung lässt sich das noch konkreter fassen:
Eine Bewegung ist effizient, wenn der gesamte Körper in optimaler Harmonie zusammenarbeitet, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Jede Struktur trägt genau im richtigen Maße bei. Keine Energie wird verschwendet. Die Bewegung ist dem Ziel entsprechend präzise.
Ich nenne Effizienz oft auch Leichtigkeit. Denn dieser Begriff enthält etwas, das direkt spürbar ist. Wenn jemand sich effizient bewegt, sieht es leicht aus. Und es fühlt sich auch so an.
Das Zuviel und das Zuwenig
Ineffizienz zeigt sich in zwei Richtungen.
Zu viel Spannung bedeutet: Wir halten fest, wo es nicht nötig ist. Wir aktivieren Muskeln, die für die aktuelle Aufgabe keine Rolle spielen. Die zusammengebissenen Zähne beim Klimmzug. Die hochgezogenen Schultern beim Tippen. Die verkrampften Hände beim Handstand. All das steht der Leichtigkeit im Weg und behindert die Koordination.
Zu wenig Aktivität bedeutet: Wir geben Teilen unseres Körpers keine klare Aufgabe. Durch fehlende Beteiligung wird ein Bereich des Körpers zum Ballast — und andere Strukturen müssen kompensieren. Zu wenig Aktivierung an einer Stelle führt paradoxerweise oft zu mehr Spannung an einer anderen.
Zwischen diesen beiden Polen liegt ein Kontinuum. Und auf diesem Kontinuum bewegen wir uns — manchmal mehr, manchmal weniger effizient. Das Ziel ist nicht Perfektion, sondern eine stetige Annäherung an mehr Leichtigkeit.
Der Körper als Orchester
Ein gutes Bild dafür ist ein Orchester. Jedes Instrument hat seine Rolle. Wenn alle zusammenspielen — im richtigen Moment, in der richtigen Lautstärke —, entsteht Musik. Wenn ein Instrument zu laut spielt oder ein anderes fehlt, leidet das Ganze.
Unser Körper funktioniert genauso. Das Ziel ist, dass alle Teile integriert arbeiten. Dass das Bewusstsein durch den ganzen Körper fließt. Dass wir jedem Bereich eine spezifische Rolle zuweisen können — und andere bewusst loslassen.
Beim Handstand zeigt sich das besonders deutlich. Anfangs konzentriert sich unser gesamtes Bewusstsein auf die Schultern. Die Beine existieren kaum. Aber mit der Zeit wird es wichtig, jeden einzelnen Körperteil wahrzunehmen und ihm eine Aufgabe zu geben. Bestimmte Bereiche gezielt zu aktivieren und andere bewusst zu entspannen. Das führt zu mehr Kontrolle, mehr Stabilität — und zu mehr Leichtigkeit.
Wie nähern wir uns der Effizienz?
Der Weg zu effizienterer Bewegung folgt einem klaren Prozess.
An erster Stelle steht ein klares Verständnis dessen, was wir tun wollen. Wir brauchen ein inneres Bild der Bewegung — ein Ideal, dem wir uns annähern können. Je klarer dieses Bild, desto besser unsere Voraussetzungen.
Zweitens brauchen wir die Fähigkeit, unseren Körper zu spüren und anzusteuern. Die Körperkarte, über die ich im letzten Artikel geschrieben habe. Denn nur wer wahrnehmen kann, wo Spannung liegt und wo sie fehlt, kann die nötigen Anpassungen vornehmen.
Drittens brauchen wir einen Übungsprozess. Einen Kreislauf aus Absicht, Umsetzung, Reflexion und erneutem Versuch. Idee formulieren — ausprobieren — daraus lernen — mit mehr Information wieder beginnen.
Die richtige Dosierung
Dabei ist wichtig: Effizienz ist ein Leitprinzip, kein Dogma.
Wenn du einen neuen akrobatischen Move lernst und ganz am Anfang stehst, kann ein übermäßiger Fokus auf Effizienz das Experimentieren behindern. In der Anfangsphase ist es völlig in Ordnung, etwas unkoordiniert zu sein. Grob. Suchend. Diese Phase des Ausprobierens und Fehlermachens ist essenziell, um die richtige Technik überhaupt erst zu entdecken.
Effizienz kommt danach. Wenn die grobe Form steht und es darum geht, sie zu verfeinern. Leiser zu werden. Weniger zu brauchen für mehr Wirkung.
Warum das zählt
Wir streben in der Movement Practice grundsätzlich nach mehr Leichtigkeit. Nicht nur weil es schön aussieht, wenn jemand sich mühelos bewegt. Sondern weil effiziente Bewegungen den Stress für unseren Organismus reduzieren. Weil sie uns langfristig gesund halten. Weil sie uns erlauben, in Bewegung alt zu werden.
Die Suche nach mehr Leichtigkeit ist ein unendlicher Prozess. Er erfordert ein tiefes Verständnis des eigenen Körpers — und bringt es gleichzeitig mit sich. Jeder Schritt auf diesem Weg macht uns nicht nur zu besseren Bewegern, sondern zu aufmerksameren Menschen.
Und abschließend: Es geht nicht immer nur um Verbesserung. Ein großer Teil der Praxis besteht einfach darin, sich zu bewegen, zu spüren und zu erfahren. Das darf man auf dem Weg nicht vergessen.
Effizienz in der Bewegung ist eines unserer Grundprinzipien. Wenn du es selbst erfahren willst, starte mit einem Probetraining.
