Movement Grundlagen Training
Lernen

Was du wirklich übst, wenn du übst

Nikolai 15. März 2026 6 Min. Lesezeit

Über mentale Repräsentationen und die Kunst, richtig zu lernen.


Jemand, der seit 30 Jahren Auto fährt, ist nicht automatisch ein besserer Fahrer als ein junger Formel-1-Pilot mit nur wenigen Jahren Erfahrung.

Dieser Gedanke hat mich lange beschäftigt. Denn er stellt eine verbreitete Annahme infrage: dass wir besser werden, indem wir etwas oft genug tun. Dass Wiederholung ausreicht. Dass Zeit gleich Fortschritt ist.

Aber so einfach ist es nicht. Wie wir üben, wo unsere Absicht liegt und wie unser Prozess aussieht — das entscheidet darüber, ob wir uns weiterentwickeln oder auf einem Plateau stehen bleiben.

Das innere Bild

Heute möchte ich über ein Konzept sprechen, das erklärt, warum manche Menschen scheinbar schneller lernen als andere. Es geht um mentale Repräsentationen.

Der Begriff stammt aus dem Buch „Peak" von Anders Ericsson und Robert Pool, das beschreibt, wie Experten in ihrem Bereich denken und lernen. Im Kern geht es um Folgendes: Wenn wir eine Fertigkeit entwickeln, bilden wir in unserem Kopf ein inneres Bild davon — eine Art strukturiertes Modell dessen, was wir tun wollen. Dieses Bild enthält alles, was wir über die Fertigkeit wissen: Details, Zusammenhänge, Erfahrungen, Nuancen.

Je differenzierter dieses innere Bild, desto besser können wir lernen, Fehler erkennen und uns verbessern.

Der Handstand als Beispiel

Stell dir vor, du siehst jemanden im Handstand stehen. Wenn du die Fertigkeit noch nie geübt hast, siehst du: einen Menschen, der auf den Händen steht. Mehr nicht. Dein inneres Bild enthält kaum Informationen.

Jetzt stell dir vor, du übst seit zwei Jahren. Plötzlich siehst du viel mehr: Wie die Finger in den Boden greifen. Wie das Becken über den Schultern steht — oder eben nicht. Ob die Rippen geschlossen oder aufgestellt sind. Wo die Spannung liegt. Wo die Balance kippt. Dein inneres Bild ist detaillierter geworden. Es enthält Schichten von Erfahrung, Korrektionen, Momenten des Gelingens und Scheiterns.

Das ist eine mentale Repräsentation. Und sie verändert nicht nur, was du siehst — sie verändert, wie du übst.

Warum das Üben verändert

Mentale Repräsentationen sind kein abstraktes Konzept. Sie haben ganz konkrete Auswirkungen auf unseren Lernprozess.

Sie helfen uns, Informationen zu strukturieren. Wenn wir eine komplexe Fertigkeit lernen, gibt es unzählige Details zu beachten. Eine gute mentale Repräsentation ordnet diese Details, macht sie zugänglich und verbindet sie miteinander. Das bedeutet: Wir können Informationen schneller verarbeiten und schneller lernen.

Sie helfen uns, Muster zu erkennen. Statt jede Situation als neu zu behandeln, sehen wir Zusammenhänge. Wir erkennen, warum etwas funktioniert oder nicht. Das macht unsere Übungszeit gezielter.

Und sie helfen uns, unsere eigenen Fehler zu verstehen. Nicht als abstrakte Korrektur von außen — „du musst die Hüfte höher nehmen" —, sondern als etwas, das wir selbst spüren und einordnen können. Wer ein klares inneres Bild einer Bewegung hat, merkt selbst, wo die Abweichung liegt.

Die Tiefe statt der Breite

Das ist einer der Gründe, warum ich in der Praxis so viel Wert auf genaues Hinschauen lege. Auf Videoanalyse. Auf Partnerfeedback. Auf das Verständnis der Prinzipien hinter einer Übung. Auf das Erleben unterschiedlicher Ausführungen.

All das dient einem Zweck: das innere Bild schärfer zu machen.

Denn richtiges Üben bedeutet nicht einfach viel und oft. Es bedeutet, mit Aufmerksamkeit zu üben. Mit einer klaren Absicht. Mit der Bereitschaft, tiefer zu schauen als an die Oberfläche.

Ich weiß nicht, wie es euch geht — aber mir persönlich gibt genau das Freude am Üben. Wenn es nicht nur darum geht, schneller, höher und weiter zu kommen, sondern darum, in die Tiefe einzutauchen. Die Qualität zu suchen, nicht die Quantität.

Ein Werkzeug, das man lernen kann

Mentale Repräsentationen entwickeln sich nicht über Nacht. Sie wachsen über Monate und Jahre gezielter Praxis. Sie entstehen durch das Sammeln von Erfahrungen, durch Fehler, die man erkennt, durch Informationen, die man von Lehrern bekommt, durch das ständige Abgleichen von Absicht und Ergebnis.

Das Gute daran: Es ist ein Werkzeug, das wir alle nutzen können. In jedem Bereich, der uns interessiert. Und einmal entwickelt, lässt sich das Prinzip übertragen — von Bewegung auf Musik, von einer Fertigkeit auf eine andere, vom Training auf das Leben.

Denn letztendlich geht es um die Fähigkeit, bewusst zu lernen. Nicht nur Dinge zu wiederholen, sondern zu verstehen, was wir tun. Das ist es, was richtiges Üben ausmacht. Und das ist es, was wir in der Movement Practice kultivieren.

Die Frage an euch

Wie sind eure Erfahrungen mit dem Übungsprozess? Gibt es Bereiche, in denen ihr besonders zu kämpfen habt? Gibt es Unklarheiten, bei denen ihr das Gefühl habt, dass sie euch behindern?

Ein wesentlicher Teil des Übens besteht darin, nach genau diesen Lücken zu suchen — den Erfahrungen, Details und Informationen, die das innere Bild schärfer machen. Manchmal liegt der größte Fortschritt nicht in der nächsten Wiederholung, sondern in der nächsten Frage.


In unserer Praxis arbeiten wir ständig an der Qualität des Lernens — nicht nur an der Quantität. Wenn dich das anspricht, komm zu einem Probetraining und erlebe es selbst.

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